Can a song save your life…

Wie fühlt man sich, nachdem der beste Freund für immer aus dem Leben gegangen ist, ohne sich zu verabschieden? Leer, verdammt leer. Ich war vor ein paar Tagen an deinem Grab. Am liebsten hätte ich vor lauter Wut, Schmerz und absoluter Leere im Herzen und im Kopf gegen das Kreuz getreten. Stattdessen habe ich gefühlte 100x deinen Namen auf dem Kreuz, auf deinem Grab, gelesen und buchstabiert J…Ü…R…G…E…N. Der Name kam, aber die Verbindung kam irgendwie nicht in meinem Herzen und in meinem  Kopf an. Wie eine Mantra, aber es lief ins Leere. Man starrt mit offenen Augen auf den Schriftzug und versucht verdammt nochmal zu fühlen und zu verstehen.

Ein paar Tage vor deinem selbstgewählten Weg haben wir noch kichernd zusammen gesessen und uns getroffen bei einem veganen Burger und einem Hasi-Shake. Still und wie immer versucht unauffällig, habe ich dir meinen neusten Versuch (Lattejoghurtmöhreningwerchai …whatever) zugeschoben und du hast wie immer die Augen verdreht, Susi, warum bestellst du dir den Scheiß, wenn ich ihn immer zu Ende trinken oder aufessen  darf…weil wir im Flow bleiben müssen lieber Jogger. Mann Susi, Susi mach dich mal locker …wir haben über dich und deine Träume geredet und du wolltest wissen, wie ich es finden würde, wenn du zurück nach Hamburg gehst, und ich habe applaudiert und dich bestärkt. Du gehörst nach Hamburg, Jogger, nicht nach Dortmund, und diese Stadt Dortmund war gut für eine gewisse Zeit, und diese Zeit ist jetzt um, hau ab und geh zurück …, und lass uns liebend gerne in HH treffen.

Danach kam noch eine SMS von dir, Susi, lass uns bald wieder treffen und reden, weil es war schön heute und Hamburg rückt näher.

…hätte ich da schon was merken müssen?

Am Wochenende haben wir noch getextet, wegen Party, und ob ich dich abholen soll oder nicht. Am Ende war es mal wieder eine deiner Erkältungen, die dich absagen ließ …hätte ich da was merken sollen?

Ich erinnere mich gerne an unsere endlos durchgequatschten Rotweinnächte. Tacheles reden unter Freundinnen, wie du es immer grinsend genannt hast. Ich habe dir den Revolver auf die Brust gesetzt und dir meine Sorgen und Bedenken mitgeteilt, dass ich das Gefühl habe, dass es dir nicht gut geht, aber wie immer hast du mich/jeden mit deinen Geschichten so weit weg gebracht von deinen eigenen Gefühlen, dass man irgendwann den Faden verloren hat.

Deine Seele konnte nicht, deine Gedanken und deine dunklen Wolken hatten dich im Griff und die Kontrolle zu verlieren, war deine größte Angst. Es brennt mir eine derart große Wunde in mein Herz mir vorzustellen, was du in den letzten Minuten an Schmerzen, Ängsten, Erlösungswünschen, purer nackter Verzweiflung und Panik durchgemacht hast, und dann der endgültige Entschluss im Kopf und im Herzen, dass es jetzt und hier zu Ende sein soll, für immer …!

Kennen gelernt haben wir uns mit Anfang 20. Ich habe damals neben meiner Ausbildung zur Fotografin gekellnert. Ihr wart die coolen Rockstars, habt Konzerte gegeben und wir freundeten uns an. Irgendwann sind wir dann mal frühstücken gegangen und haben diese Frühstücke mit den vielen Geschichten erst am Abend beendet und diesem Foto und so viel gelacht.

So fing unsere  Freundschaft an. Konzerte, Nürburgring, dein alter roter Golf, mit dem du mich zum Joggen abgeholt hast, deine und meine schönen, wilden WG-Zeiten und durchtanzte Nächte, deine gefühlten 100 Umzüge in verschiedene Städte und deine wunderbaren Freundinnen, von denen mir einige bis heute sehr nahe sind und ich sehr dankbar für diese Freundschaften bin.

Wie sagte Peter H. so schön: Da wacht man nach einer Partynacht in HH auf und muss erst mal kurz überlegen, wo man ist, während Jogger sich schon frisch geduscht, nach einem Ründchen leichtem Joggen, den Frühstückstisch deckt und lachend, und wie immer viel erzählend, eine Avocado aufs Toastbrot schmiert und man selbst währenddessen erst einmal froh ist, dass das Karussell sich nicht mehr dreht und man weiß, wo man ist: mit oder ohne Avocado im Karussell und Toast unterm Arm.

Und so begleiteten wir uns gegenseitig in unserem Leben. Mal mehr, mal weniger. Aber sobald wir uns wieder am Ohr hatten oder trafen, war es wie gestern. Du warst für mich immer das Paradebeispiel für ein Stehaufmännchen: u.a, dein Traum mit der Musik – du hast ihn wahr gemacht, mit allen Höhen und Tiefen, mit allen Konsequenzen.

Wir  begleiteten uns die nächsten Jahre durchs Leben, und als wir am Ende mal eine gemeinsame Stadt fanden, war ich so glücklich, und dann noch Büro an Büro: perfekt.Die Familie rückt wieder näher zusammen. Wie schön.

Keiner wusste es, du hast dich niemandem gegenüber geöffnet, und darum können wir es nur erahnen. Dein Stolz war immens groß, diese dunklen Wolken in deinem Herzen haben dich vielleicht schon ein ganzes, schweres Stück in deinem Leben begleitet und dich so  stark unter Kontrolle gehabt, dass du manchmal abgetaucht bist und keiner wusste, wo du warst. Wenn ich dich dann angerufen habe, um zu fragen, ob alles OK sei, hast du nur geantwortet, dass du deinen Elfenbeinturm benötigst und einfach nicht reden, hören, erklären möchtest. Ich wusste dann, du tauchst irgendwann wieder auf, wirst nicht viel erzählen wollen, sondern mir das Gefühl geben, dass alles OK sei und mich mit deinen Worten, deiner guten Laune, deinem unschlagbaren Humor an die Hand nehmen und so weit von deinen Probleme entfernen, dass ich den Faden dazu komplett verliere und dir vertraue, dass alles OK ist.

Deine letzte Nachricht an mich, kurz vor deinem Tod: Susi! Sehen ja!!!

Meine Antwort hat dich nicht mehr erreicht, und nun habe ich große Angst davor zu akzeptieren, dass du nicht mehr da bist. Es scheint so verdammt weit weg und so unrealistisch. Ich habe dir neulich, nach deinem Tod, noch eine Textnachricht geschickt: krank, ich weiß, aber in dem Moment eine träumerische Hoffnung, dass etwas zurückkommt. Aber es kam und kommt nichts …

Wenn ich morgens mit dem Hund draußen bin und alles um mich herum noch so still ist, halte ich oft ein Gespräch mit dir, manchmal laufen mir ohne Grund diese warmen Tränen die Wangen runter, und am Ende bin ich dann immer voller Hoffnung, dass ich irgendwann verstehen werde warum …

Mit dir verliere ich nicht nur meinen besten Freund, sondern auch einen großen Teil meiner Geschichte des Erwachsenwerdens, ein Stück Familie.

Ich akzeptiere dein NEIN, Jogger, zu deinem nicht weiter führenden Weg, aber es kostet im Moment noch sehr viel schmerzliche Momente. Pass auch dich auf …und sehen, Jogger, ja! Irgendwann, sehr gerne!

 

 

 

 

 

 

Datum

Samstag, 16. Mai 2015

  • Susanne Beimann
    Fotografin
    Family & Friends

    Mobil (0170) 96 63 188
    suqu@suqu.de

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Can a song save your life…

2 Kommentar zu “Can a song save your life…”

  1. Franca sagt:

    Dein Nachruf auf deinen besten Freund, liebe Susanne, ist das Berührendste, was ich seit langem gelesen habe – direkt in mein Herz und hat mich zum Nachdenken gebracht – über Freundschaft, Achtsamkeit und über die eigenen Werte.

    Mit deinen liebevollen Worten hast du deinen Freund irgendwie doch noch Abschied nehmen lassen – einen schöneren und wertvolleren Freundschaftsdienst hättest du ihm nicht erweisen können.

    „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“
    – Bertolt Brecht –

  2. Natalie sagt:

    Hi Susanne,
    ich bin seit langem nochmal auf deiner Seite und ich muss sagen dieser Beitrag ist wirklich sehr ehrlich und einfühlsam und lesenswert!

    Wenn man einen geliebten Menschen verliert ist es immer schwierig damit umzugehen! Seit jetzt fast 2 Jahren hat mein Mann seine Mutter verloren mit 63 Jahren nicht gerade ein Alter um Abschied zunehmen! Erst jetzt nach 2 Jahren kommt so richtig die Trauer das begreifen da ist keiner mehr den man fragen kann 🙁

    Ich bin mir sicher du wirst ihn wiedersehen!
    Drücke dich und lieben Gruß
    Natalie