Achterbahn der Gefühle – Fotoserie einer sozialen Einrichtung

Ich liebe es, soziale Projekte und Einrichtungen mit meiner Kamera zu begleiten, da sie mich unglaublich in den Bann ziehen. Dieses Projekt war schon eine ziemlich Achterbahn der Gefühle für mich. Es macht sich eine unglaubliche Demut vor dem Leben breit, in Anbetracht dessen, dass man gesund ist, arbeiten  und Freunde treffen kann, selbst entscheiden was man tun möchte … alles Dinge die man sehr schnell als selbstverständlich hinnimmt. Immer auf der Suche, manchmal viel zu schnell durchs Leben laufend und dabei auch schnell vergessend, mal anzuhalten und einfach dankbar zu sein für die eigene Freiheit sowie für die eigene Gesundheit.

Eine Bewohnerin der Wachkomastation durfte ich auf ihrem Zimmer besuchen, und sogleich fiel mir ein Foto  an der Wand auf, welches eine wunderschöne, sportliche Frau zeigte, zusammen mit ihrem Mann auf einem Segelturn. Das war sie vor ein paar Jahren und nun blickte ich in zwei Augen und ich suchte vergeblich nach dieser Frau auf diesem Bild und dann wurde mir bewusst, dass es nur eine Millisekunde braucht und das Leben kann sich komplett anders entwickeln, in eine ganz andere Richtung gehen.

Die ganz kleinen Bewohner, die auf einer weiteren Station betreut werden, da sie teilweise schwerste Pflegefälle sind, haben mich emotional sehr berührt. Teilweise erst ein Jahr alt, teilweise kerngesund auf die Welt gekommen und dann durch einen Unfall, Komplikationen bei der Geburt – um nur ein paar der Ursachen zu nennen – nun stark geistig und körperlich behindert. Um die Bettchen herum standen Fotos der Familien, gemalte Bilder der Geschwister und viele Stofftiere. Der kleine Jan strengte sich an, um mir zu zeigen, dass er trotz seiner Spastik einen Schokoriegel selbst in den Mund führen kann, um ihn dann zu genießen. Was für Schmerzen er dabei haben muss, möchte ich mir nicht ausmalen. In einem Zimmer lagen zwei Jungs; der eine Schalke-Fan der andere BVB-Fan, in die jeweils passende Bettwäsche gebetet. Diese beiden Jugendlichen können nur liegen und sich zum Teil nicht bewegen oder  verständlich machen. Als ich den BVB-Fan fragte, ob er Schalke-Fan sei, bekam ich nur ein Grummeln als Antwort, aber als ich den BVB-Song anklingen ließ, lachte er mich zufrieden und selig an.

Die Zimmer der Kinder und Jugendlichen sind mit viel Herz und altersgerecht eingerichtet. Ich ziehe meinen Hut vor den Mitarbeitern die dort arbeiten. Sie versuchen, es ihren Bewohnern so schön wie möglich zu machen, die Zimmer individuell zu gestalten und diese mit viel Liebe einzurichten. Hier und da läuft ein Song von Rhianna und Bravo-Poster hängen an der Wand. Das die Bewohner zum größten Teil starke geistige Behinderungen haben, können sie sich nicht artikulieren. Wie schön ist es dann zu sehen, dass die Betreuer genau wissen, wie man den einen oder anderen zum Lachen bringt. Eine so unglaubliche Herzlichkeit herrscht in diesem Haus, gepaart mit viel Respekt gegenüber jedem einzelnen Menschen dort vor Ort. Hier und da werden Bewohner in den Arm genommen und es wird ihnen Zeit geschenkt. Hier bleibt die Uhr stehen, denn hier zählen der Moment, der Mensch und dessen Wohlergehen.

 Auf der Wachkomastation sind Bewohner die nach einen schweren Verkehrs- oder Sportunfall ins Wachkoma geraten sind jetzt versuchen, zurück ins Leben zu finden. Die meisten von ihnen können nur gebrochen reden, ihre Muskulatur haben sie nicht unter Kontrolle oder können sich gar nicht richtig bewegen. Klaus,  ein langjähriger Bewohner im Rollstuhl mit einer geistigen Behinderung, fragte mich, warum ich ihn fotografieren würde, woraufhin ich antwortete, dass ich sein Lachen so herzlich fände. Er fasste sich ans Herz und führte die Hand dann zum Mund. „Herzlachen“, sagte er mit einer unendlichen Fröhlichkeit. Diese Bild hat sich in meinen Kopf gebrannt. In unserem Leben ist alles so schnell geworden. Man kommuniziert über das Handy, hetzt von Termin zu Termin, verabredet sich Wochen im Voraus, um freie Zeit miteinander zu genießen. Zeit: sie ist da, in vielen kleinen Momenten.

Die Fotos folgen, sobald das Projekt abgeschlossen ist. Hier ein für mich passender und schöner Songausschnitt aus Maximes „Rückspiegel“

Und das Glück steht vor Dir an der Straße
Und hält den Daumen raus,
Aber alles geht so schnell, dass es Dir immer erst auffällt,
Wenn du in den Rückspiegel schaust.
Und dann ist es längst zu spät um anzuhalten,
Dann musst Du weiter geradeaus,
Bis das Glück wieder an Dir vorbeirauscht,
weil Du ständig in den Rückspiegel schaust.

 

 

Datum

Mittwoch, 13. November 2013

  • Susanne Beimann
    Fotografin
    Family & Friends

    Mobil (0170) 96 63 188
    suqu@suqu.de

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Achterbahn der Gefühle – Fotoserie einer sozialen Einrichtung

2 Kommentar zu “Achterbahn der Gefühle – Fotoserie einer sozialen Einrichtung”

  1. Claudia sagt:

    Hallo liebe Susi,
    du hast so eine tolle berührende Art Situationen und Menschen zu beschreiben- deine Worte sind ebenso schön wie deine Fotos.
    Du solltest mal über einen Bildband nachdenken. Ich würde ihn sofort kaufen. 🙂
    Ganz liebe Grüße

    Claudia

  2. Steffi sagt:

    Tolle Gedanken zu dem Thema! Ich arbeite selbst in einer Soziale Einrichtung, schon viele Jahre, danke für diesen neuen Blick drauf!

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